Klagenfurt. Stereo Club. Der Lichttechniker, LKW-Fahrer und Jungunternehmer Martin „Mortl“ Schmeißer hat eigentlich überhaupt keine Zeit. Ihm bleiben noch ca 2 Stunden, um den Unterschied zwischen gelb und blau zu verstehen und diese Erkenntnis für sein phänomenales Lichtkonzept während der LIVE-Show der Wahnsinnscombo Anajo zu gewinnen. Er wirkt gestresst, hochkonzentriert und doch gutmütig. Er nimmt sich kurz Zeit für ein Interview.
Martin!
Servus.
Du machst ja nun das Licht hier. Wie gehst Du daran?
Also grundsätzlich gibt es 4 Hauptfarben: Blaublaublau blüht der Enzian, Grünschnabel, Kaffeeweißer und das andere hab ich vergessen. Meine Aufgabe besteht in der künstlerischen Auswahl, Kombination, Hervorhebung und Auslöschung dieser Farben. Gelb ist ja zum Beispiel sehr hell.
Klingt total schwierig.
Ja wissen Sie, als Lichtgestalt hat man es nicht leicht. Nehmen Sie zum Beispiel als Gegensatz zu mir den sogenannten Keyboarder. Der setzt sich dahin und hat immer nur zwei Farben: schwarze und weiße Tasten. Mehr muss der ja im Grunde gar nicht beachten. Ich hingegen habe es mit einer solchen Bandbreite an Farben zu tun, dass es Picasso mit der Angst zu tun bekommen hätte. Deswegen habe ich immer ein akademisches Standardwerk zur Farborientierung dabei (siehe Foto).

Pflicht für jeden Lichttechniker: Das Standardwerk der Farben.
Beeindruckend. Mortl, hattest Du schon in Deiner Jugend Interesse an Licht und Farben?
Sicher. Als Kind habe ich ständig auf den Lichtschalter gedrückt und bin das ganze Jahr über Laterne gelaufen. An Weihnachten habe ich eine komplizierte Stroboskop-Verschaltung für den heimischen Tannenbaum entworfen. In meiner Jugend habe ich dann Marlboro Lights geraucht und grundsätzlich dunkles Bier bestellt – man muss auch mal raus aus der Lichtdenke -, später in einem Leuchtturm gejobbt und mit 21 habe ich mir schließlich Flutlichtmasten in den Vorgarten gebaut. Das Allgäuer Braunvieh auf dem Hof meiner Eltern habe ich im Rahmen einer Studienarbeit weiß angemalt und die ganze Weide mit Schwarzlicht bestrahlt, damit man die Viecher immer sehen kann.

Das Allgäuer Braunvieh.
Was für eine Idee!
Ja, hat super funktioniert.
Mortl, Du hast offensichtlich nicht mehr alle Latten am Zaun.
Würde ich so jetzt nicht sagen. Die Wichtigkeit einer ausgeklügelten Beleuchtung wird in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Ähnlich wie Arbeitslose, das Telefax oder MySpace. Mir ist es von daher eine Herzensangelegenheit, für die Lichttechnik neue Bereiche zu erschließen, wie eben im Falle des Braunviehs die Landwirtschaft. Mein nächster Schritt wird….
Jaaaaaaa, Herr Schmeißer. Das ist ja alles hochinteressant. Aber was ist denn eigentlich ihre ganz persönliche Lieblingsfarbe?
Ich mag es gerne schlicht: blau. Ich meine grün. Also im Grunde rot, aber unterm Strich dann doch: blauweiß gestreift.
Farben spielen ja auch in der Politik eine Rolle. Wie stehst Du dazu?
Das ist ganz einfach: Rot-Grün sieht zusammen doof aus. Schwarz-Gelb auch. Aus lichtästhetischer…
Lichtästhetischer?
Genau, aus lichtästhetischer Sicht macht natürlich Blau-Gelb am meisten Sinn, weil da am Ende ein so schönes Grün bei rauskommt.
Toll.
Hey, danke! Ich muss jetzt mal weitermachen, sonst schließen mich die Jungs von der Band nachher wieder in der Bassdrum ein. Das machen die Doofis immer, wenn das Licht nicht gut ist.
Eine Frage noch: wie sieht der ganz normale Wahnsinnstag eines Lichttechnikers und Farbphilosophen auf Tour aus?
Morgens, wenn es hell wird, steh ich auf und geh kurz ins Grüne. Zum Frühstück gibt´s Blaubeeren und Rotkohl. Dann fahr ich Auto und freu mich an jeder Ampel über die schönen Farben. Bei Verspätungen sehe ich dunkelrot, deswegen bin ich immer überpünktlich im Club. Da mach ich dann einen auf Li-La-Launetyp um die Truppe bei Stimmung zu halten. Dann schäle ich mir eine Orange. Nach dem Konzert mach ich entweder blau oder bin blau.
Mensch, ist das komisch. Und hörst Du privat auch Musik?
Klaro. Alles, was Farbe hat: Black Sabbath, White Stripes, Red Hot Chili Dingsbums, Al Green, Living Colour und ganz viel Blues. Total gerne mag ich natürlich den Song Purple Rain.
Der sympathische Leuchtenakrobat verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck und hinterlässt eine silberne Lichtspur auf dem Boden. Er wirft zum Abschied einen 5-Euro-Schein in die Luft. Was für ein Scheinwerfer.